Blinde Verliebtheit & erwachte Freiheit

Blinde Verliebtheit & erwachte Freiheit

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Ich sitze mit meiner besten Freundin im Café. Die Stimmung ist nicht aufgrund des Wetters erdrückend. Sarah hatte angekündigt, dass sich seit ihrem Bewusstseins-Seminar etwas verändert hat. Das dies auch lieblose Umarmungen und distanzierte Blicke mir gegenüber beinhalten würde, hatte ich nicht erwartet.

„Ich möchte andere Beziehungen führen,“ sagt sie selbstsicher. „Unsere eingeschlossen, Maria.“

Sie sitzt kerzengerade, fast streberhaft auf ihrem Stuhl. Die Arme hat sie unter dem Tisch versteckt. Ich nehme an, dass die Hände auf den Oberschenkeln aufliegen, eine Haltung die ich bei ihr noch nie sah. Wir kennen uns jetzt seit einem Jahr, einem sehr intensiven Jahr mit allem Drum und Dran: Viel Deep Talk, Yoga, Partybesuche, etliche Tränenfluten, philosophische Gespräche, viel Verbundenheit & Liebe und tantrische Experimente.

„Aha, und was hat das zu bedeuten?“, frage ich betont locker. Ich bin alles andere als entspannt angesichts dieser, mir fremden Person vor mir.

„Das es die Beziehung, wie wir sie führten, so nicht mehr geben wird.“ Sie starrt wieder an die Wand. Ihre Hände umfassen jetzt den Tee. Mir wird schwindelig und ich fühle meinen Atem aus den Lungen weichen.

„Also keine Freundinnen mehr, oder wie?“ Ein Hauch Ironie liegt in dem Satz. Sie nickt stumm und schaut auf ihren Tee. Wer zum Teufel bist du?, schreie ich sie im Kopf an. Ich kann und will all das nicht glauben.

„Alles vorbei, oder was? Bedeutet dir sowas wie Freundschaft jetzt also nix mehr?“

„Ich habe noch Freunde, Maria!“ Sie ist fast laut. Ich möchte meinen Ohren nicht glauben.

„Achso, nur ich gehör jetzt nicht mehr dazu, oder was? Einfach aussortiert?“  Sie schaut mich an und ich sehe keinerlei Mimik. Nichts. Mein Herz zerreißt und mit ihm gibt es keinen Halt mehr für meine Tränen.

Ich möchte sie anschreien, tue es aber nicht. Ich möchte ihr eine Ohrfeige verpassen, für das was sie mir gerade antut und doch sitze ich nur tränenüberströmt und stumm da. Aus dem Nichts heraus beendet sie unsere so besondere Freundschaft.

„Was habe ich falsch gemacht?“, frage ich verzweifelt. 

„Nichts.“

„Und warum dann das hier?“ Ich fuchtele mit den Händen in der Luft herum und möchte die scheußliche Situation, in der ich mit dieser eiskalten und fremden Person stecke, aufzeigen.

„Weil ich andere Beziehungen führen möchte!“ Diese Phrase kotzt mich an. Jetzt starre ich Sarah an.

Wo bist du? Wo sind deine Gefühle? Früher konntest du es nicht ertragen mich weinen zu sehen und nahmst mich sofort in den Arm? Fuck, wer bist du? Wie kann man lebendig und doch so tot sein? Die Frage in meinem Kopf erschüttert mich, ich atme schneller keuchend ein und aus.   

„Es ist, als hätte mir Jemand gesagt, dass du gestorben bist!“, die Worte sind schwer wie Blei. Sie schaut mir schon seit einigen Minuten kaum mehr in die Augen ich befürchte, dass ich nur Leere darin finden würde.

Aus ihren Nachrichten von vorher weiß ich, dass es ihr seid des Seminars wohl besser geht als je zuvor. Ich freute mich für sie.

Nach ein paar Minuten beruhige ich mich irgendwie wieder, erstaunt darüber das wir trotz allem noch immer an diesem Tisch sitzen. Mein Fluchtimpuls klopft immer wieder an meinen Beinen.

Die Bedienung kommt an den Tisch, sieht mich und macht schnell Kehrtwende als ich mit dem Kopf schüttele. Meine Visage spricht Bände. Mein Mund fasst in Worte was ich denke:

„Gut, dann leb wohl!“ Ich sprach eher meine Befürchtung, als den eigenen Wunsch aus.

Kaum habe ich es gesagt strömt eine neue Salzflut mein Gesicht. Die Intention aufzustehen und zu gehen wird weggespült. Ich habe Angst, sie nie wieder zu sehen. Unsere Freundschaft beerdigen zu müssen.

„Wie kannst du so gefühllos sein, Sarah? Ich verstehe es nicht!“

„Ich fühle, zeige es nur nicht mehr so sehr nach Außen!“ Sie schaut mich nun doch wieder an.

„Also mache ich mit meinem Heulen irgendwas falsch? Was haben sie dir da beigebracht?“

„Sie haben mir nur gezeigt, wie ich meinen Weg gehen kann, das ist alles. Deiner ist halt ein anderer. Richtig und Falsch gibt es nicht.“

Auch ihre Ausdrucksform ist emotional total schief und pseudoheilig geworden. Ich nutze den kurzen Moment der Stärke und will nun Klarheit.

„Also keine Nachrichten mehr? Kein Kaffeetrinken?“ Gefasst schaue ich sie an.

„Erstmal nicht mehr. Wir sollten uns Zeit lassen.“ Das erste Wort gibt mir Hoffnung, dass sie doch nicht gestorben ist.

„Also was jetzt? Nie wieder oder erstmal nicht?“ Sie antwortet nicht und schaut an die Wand hinter mir.

„Dann meld‘ du dich bei mir, wenn du so weit bist, Sarah! Ich verstehe nichts mehr!“ Ich stelle mich auf. Sie schaut mich wieder an und schüttelt den Kopf.

„Nein. Ich lasse mir nicht sagen was ich tun soll.“ Ihre Stimme ist sanft und freundlich und genau das, treibt mich in den Wahnsinn.

„Okay. Dann leb wohl.“ Weniger freundlich und sanft rausche ich ab.

In meinen Schal gehüllt, tauche ich in die Dunkelheit des Novembers ein. Der Weg ist lang und ich schluchze und weine mir meinen Herzschmerz von der Seele.

***

Die Tage und Wochen vergingen. Ich fühlte, sprach mit meinem Mann und fühlte wieder. Und dann verstand und heilte ich diesen Abschnitt meines Lebens, irgendwann und endlich.

Ich halte ihr Bild in der Hand und lächle milde. Sie hatte es an die Familienwand geschafft.

Sie hat meinen sehnlichen Wunsch nach einer tiefen und besonderen Freundschaft ziemlich schnell erfüllt. Lange sehnte ich mich nach einer besten Freundin der ich nah sein kann. Und plötzlich war sie da. Unsere Verbindung war so stark und so intim. Ich liebte unsere Zeit, unsere Vertrautheit, unser Lachen und Weinen. Ich liebte ihren Rat, ihre Schulter und ihre so motivierenden Worte an mich. Ich war verliebt in unsere Beziehung und diesen Traum aus ihr und mir.

Wir lebten in Co-Abhängigkeit zueinander. Ich liebte sie, nahezu bedingungslos. Sie liebte ebendiese Liebe, meine liebevolle und leichte Sicht auf die Menschen und die Welt. Und ich genoss in vollen Zügen ihre Bewunderung und ihr so hingebungsvolles, leidenschaftliches und dunkles Wesen.

Und ohne bis heute ihre Wahrheit wirklich zu kennen, glaube ich, dass sie diese Abhängigkeit erkannte. Über mich weiß ich, dass mich jene Verliebtheit in unsere Beziehung verblendet hat. Ich sah und fühlte die Realität kaum mehr.

Ich glaubte, dank ihrer Anerkennung und Bewunderung, eine Göttin zu sein und verhielt mich auch anderen gegenüber so.

Ich glaubte, dass Wut etwas Gutes und zu etablieren sei, weil auch sie es glaubte. 

Ich glaubte, dringend Leidenschaftlicher und Lustvoller sein zu müssen und verlor mich in der Suche danach.

Ich glaubte, keine anderen Freundschaften mehr zu brauchen.

Heute glaube ich, dass diese blinde Verliebtheit mein Gefühl für mich selbst eingetrübt hat. Ich gab mich ihrem feuerroten Zauber hin und war nicht mehr ganz ich selbst.  

Und um das zu erkennen war Distanz notwendig. Vermutlich hätte ich ohne diese schmerzhafte Trennung, sehr lange gebraucht, um endlich aufzuwachen und wieder zu mir selbst zu kommen. Vielleicht wäre ich ewig blind geblieben.

‚Danke meine Liebe, für Alles. Danke für deine Liebe, die besondere Freundschaft, den komischen Kram, den ich dank dir geglaubt und getan habe und die wahrlich weise Erkenntnis, wie wenig ich in der Emotion ich selbst bin. Wir weisen Bitches.‘

Mit jenen Gedanken im Kopf, lege das Bild in den Karton vor mir. Es wird nicht weiter dort hängen, ihren Platz in meinem Herzen hat sie wohl für immer.

Herzlichst, Maria

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