Wut-Detox

Wut-Detox

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Es ist ein emotionaler Notfall. Mein Mann hat mir eine Prime-Time eingerichtet und ist mit unserer Tochter auf den Spielplatz gegangen.

Ich bin mehr als gereizt.

Ausgerechnet jetzt blendet mich die Sonne. Mit Stift und Papier in der Hand rutsche ich schnaufend ein Stück zur Seite, um dem grellen Licht zu entgehen. Diese miese Emotion vergiftet mich erst seit ein paar Stunden und doch wird es dringend Zeit, ihr entgegenzutreten.

Egal, was bisher passierte, es trieb mich alles auf die Palme. Meine Wut musste heute schon mehrfach ausgebremst werden: ‚Jetzt. Bloß. Nicht. Schreien! Nicht jetzt, Maria! Weder dein Kind noch dieser Autofahrer sind dafür verantwortlich. Atmen. Atmen! Ich weiß, dass geht. Atme. Konzentrier dich.‘, befahl ich mir.

Meine Tochter kreischte, seitdem wir die KiTa verließen und geriet immer mehr in Rage. Die anderen Autofahrer benahmen sich auch wie Kinder, ganz zu schweigen von mir selbst.

„Jaaaaaa, ich hab‘s verstanden. Papa, Papa, Papa. Ich kann jetzt auch nix ändern. Also. Sei. Ruhig.“, fauche ich in dem Wissen ins Auto, das keines meiner Worte ankommt. In einer Mischung aus Mitleid, Neid und Wut schaue ich immer wieder durch den Rückspiegel zu ihr.

Auch ich würde gerne kreischen und schreien. Ich überlege kurz es zu tun, lasse aber. Ich war unendlich verzweifelt.

Die Erinnerungen an diese Situationen öffnen rapide meine emotionalen Tore wieder. Puls und Herz liefern sich ein Battle. Die Wut beginnt zu brodeln. Mit Stift und Papier bewaffnet sitze ich auf meinem Sofa und lächle höhnisch.

Das Brodeln nimmt an Fahrt auf. Gedanken und Bilder wüten in meinem Kopf. Neue Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf. Worte formen sich.

‚Der und Die sind solche Ar***. So gefühlstaub und dumm. Arghhh, wie ich sie hasse. Wenn ich die beim nächsten Mal wieder sehe, trete ich ihnen verbal sowas von in den A****.‘ 

Das Papier ist noch leer. Mein Kopf unendlich voll und je mehr ich das Feuer in mir toben fühle, desto stärker wird der Wunsch nach Bewegung.

Schnell stoße ich mich vom Sofa ab, schalte die Soundanlage an und wähle meine ‚Go wild‘ Liste aus. ‚Vodoo Mary‘ ist nicht mein liebster Song, aber er hilft.

Während die Trommeln in mich eindringen, öffne ich mich weiter für das Fühlen.

Meine Füße stampfen auf dem Boden. Die Trommeln heizen mich an. Meine Fäuste sind geballt und meine Mimik muss der einer Löwin im Angriffsmodus ähneln. Die Wut steigt weiter nach oben und als der letzte Widerstand in mir erloschen ist, beginne ich laut und wortlos zu schreien.

Das Feuer fließt durch jede meiner Adern, schenkt mir unendlich heiße Energie. Ich stampfe wild und spüre den Widerhall in mir pochen. Einen Takt gibt es nicht mehr. Die Arme fliegen durch die Luft, ebenso meine Löwenmähne. Ich springe hoch und schlage beim Herunterstürzen kraftvoll auf Sofa und Kissen. Wieder ein Schrei. Ich tanze weiter durch den Raum, auch noch während des nächsten Liedes.

Irgendwann spüre ich dann, dass die Musik nicht mehr zu meiner Energie passt.

Es wird leiser und langsamer in mir.

Die Feuerenergie erlischt allmählich. Der Wald ist gerodet, ein Teil zumindest.

Ich atme schnell und tief. Nach ein paar weiteren Schritten durch den Raum setzte ich mich wieder hin.

Die rauschende Stille in mir ist herrlich. Ich genieße meinen Atem, die Hitze im ganzen Körper und ohne danach gefragt zu haben kommen die bisher ungesehenen Worte an die Oberfläche gespült:

„Hier noch ein Tipp für dich, Maria.“ Die Genugtuung und Freude an meiner Offenheit für ihre Wut und Rache, konnte ich in dem Gespräch vor ein paar Tagen auf allen Ebenen fühlen. „Du solltest mit deinen Coachees auf jeden Fall anders umgehen als mit mir! Ich habe in meiner Ausbildung ja so gelernt…“

Aus einem persönlichen Streit mit einer Freundin, ist ein Angriff meiner Arbeit geworden.

‚Du Bitch, bist kein Coachee. Du hast mich nie beim Coaching gehört, geschweige denn eines erlebt‘, sagt mein Kopf und ich notiere alle Worte eifrig. Zahlreiche unfaire und miese Worte fließen nun aus mir heraus und aufs Papier. Ich weiß, dass sie diese Worte nie lesen wird. Ich weiß auch, dass all das hier nichts mit ihr zu tun hat, dafür habe ich diese Prozesse schon zu oft durchgemacht. Also schreibe ich weiter.

Irgendwann gelange ich an den Punkt, an dem ich die Wut auf mich selbst spüre. Darüber, dass ich so einen Scheiß an mich heranlasse und darüber, dass gewisse Menschen diese Macht über mich haben.

Es ist die Wut darüber, dass ich ihnen die Möglichkeit gebe mich zu verletzen, einfach nur weil sie meine Schwachpunkte kennen. Zuerst weine ich wegen der Wut, dass sie notwendig war und mich so lange vergiftete. Später heule ich die Traurigkeit über meine eigene Schwäche & mich davor nicht beschützt zu haben, aus dem Körper.

Die Tränen tropfen aufs Papier. Ich notiere beiläufig eine Frage: ‚Kann ich mich davor schützen, von denen die ich Liebe, verletzt zu werden?‘

Und irgendwann sind Wut und Traurigkeit vorübergezogen. Ich wische mein Gesicht trocken und atme. Erleichtert und dankbar kehrt langsam wieder der Frieden in mir ein. Mein Atem beruhigt sich. Die Anspannung lässt nach. Nach weiteren Minuten fühle ich sie wieder: Die Liebe.

Zunächst noch ganz sanft und hauchzart. Es fließt weiter und wird wieder leicht in mir.

Aus diesem leichten Gefühl heraus, beantworte ich meine Frage an mich selbst ganz einfach und klar:

‚Nein, ich kann mich nicht vor allen Verletzungen schützen, denn dann würde ich mich auch für die Liebe verschließen.‘

Ich spüre, dass dies nicht mein Weg ist.

‚Ich weiß aber, wie ich mit Verletzungen umgehen und sie wieder zu Liebe verwandeln kann. Das ist mein Ding! Yeahh, chakkalakka!‘ Beflügelt von dieser Erkenntnis lege ich den Stift ab.

Ich lächle, aufgrund der nun wirkungslosen Worte meiner lieben Freundin. Vor allem aber, über mich selbst. 

Herzlichst, Maria

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